Lost Places in NRW: die psychosomatische Klinik – ein Erfahrungsbericht

Was tun, wenn man unbedingt Lost Places sehen und fotografieren will – aber bisher quasi Urbex-Jungfrau ist? Ganz einfach: Man nimmt sich ein Schmuckstück der Lost Places in NRW vor. Unser erstes Urbex-Mal hatten wir glücklicherweise mit einer psychosomatischen Klinik in der Umgebung. Im Gegensatz zu so vielen ersten Malen war dieses nicht erüchternd – viel eher wurde unsere Erwartungshaltung um Längen übertroffen.

Was euch in diesem Erfahrungsbericht erwartet:

Unser erstes Urbex-Mal
Lost Places wirken noch verlassener, wenn sie verschneit sind
Beeindruckende verlassene Klinik mit viel Geschichte
Klinik mit Gruselfaktor
Jeder Raum will erkundet werden

 

Wie wir schon hier schrieben, findet man manchmal überraschend ein Urbex-Schmuckstück in der direkten Nachbarschaft. Diese verlassene Klinik hat uns den Einstieg ins Urbex ziemlich einfach gemacht.

Da fährt man fast täglich an diesem Gelände entlang, aber ist so betriebsblind, dass man es nicht checkt, in direkter Nachbarschaft zu einem fruchtbaren Lost Place zu leben. Gehört hatten wir schon von dieser Klinik – man munkelte. Als dann klar war, dass dieses Gelände tatsächlich nicht mehr genutzt wird, war klar: Da müssen wir rein!

Unser erstes Urbex-Mal

Aber nicht ohne die richtige Vorbereitung. Wir fuhren unregelmäßig mehrere Tage sowohl tagsüber als auch abends im Dunkeln an dem Areal vorbei. Wir hielten nach Wachschutz und Kameras Ausschau und prüften auch mögliche Zugänge auf das Gelände, um im Ernstfall möglichst souverän und selbstverständlich mit der Kameraausrüstung unterwegs zu sein. Schließlich war das auch unsere erste richtige Urbex-Tour ever!

An einem verschneiten Wintertag kam spontan die Eingebung „wir schauen mal, ob sich diese Klinik überhaupt lohnt“. Wir parkten direkt am Gelände, denn dort befand sich ein öffentlicher kleiner Parkplatz. Wenig einsehbar von der Hauptstraße schlugen wir uns durchs lichte Gestrüpp. Der Bauzaun, der Eindringlinge fernhalten sollte, war schon lange vorher zur Seite geschafft worden – und es sah aus, als hätte der Eigentümer resigniert.

Lost Places wirken noch verlassener, wenn sie verschneit sind

Wir betraten das Gelände auf Höhe der Zufahrsschranke. Zuerst passierten wir ein Nebengebäude, das zur Hauswirtschaft, Verwaltung und, wie wir später herausfanden, als Wohnraum – vermutlich für Mitarbeiter – diente. Rechts vom Gebäude befanden sich einige Garagen, in denen Büromöbel, alte Reifen und sonstiger Unrat abeladen wurde. Durch die frische Schneedecke wirkte das Gelände surreal schaurig. Einige Fußabdrücke im Schnee zeigten uns, dass wir nicht unbedingt alleine auf dem Areal sind. Grund zur Beunruhigung?

Lost Places in NRW - Alte Klinik im Schnee
Das Verwaltungsgebäude im Schnee

Wir wendeten uns direkt dem Hauptgebäude zu. Das Hauptgebäude der Klinik ist ein langer Komplex mit drei Etagen, einem Dachboden sowie einem Keller. Die langen Flure sind jeweils durch Treppenhäuser unterbrochen. Eingeschlagene Fenster und Glastüren zeugen schon auf den ersten Blick vom Vandalismus. Wir gingen erst außen an dem Hauptgebäude entlang, um uns einen Überblick zu verschaffen. Kaum waren wir auf dem Gelände, kamen uns drei Jugendliche entgegen, die uns verhalten grüßten. Offensichtlich wirkten wir souverän genug.

Beeindruckende verlassene Klinik mit viel Geschichte

Einst Schmuckstück der Region, jetzt schlafendes Einod. Die Geschichte dieser Klinik reicht über 100 Jahre zurück. Die Klinik, einst eine Lungenheilstätte und später psychosomatische Klinik, steht seit Jahren leer. Im zweiten Weltkrieg wurden hier tuberkulosekranke sowjetische Soldaten untergebracht. Diskussionen um die Sanierung und mögliche Nutzungsansätze verliefen in den vergangenen Jahren fruchtlos. Seit mittlerweile über vier Jahren schlummert die Klinik am Stadtrand. Zeit genug für die Natur, an der Bausubstanz zu kratzen. Und Zeit genug für Menschen mit zerstörerischen Absichten.

Die Klinik ist vergleichbar mit der Lungenheilstätte in Beelitz aufgebaut. Ein langer West- und Ostflügel, damals noch separate Komplexe, in denen katholische und evangelische Patienten getrennt untergebracht waren. Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen verbanden bald darauf beide Komplexe, so dass das nun existente Hauptgebäude entstand. Gemeinschaftsräume in der abgelegenen Klinik sorgten seinerzeit für den Entspannungscharakter, der die Heilstätten von damals typischen Siechenhäusern unterschied.

Klinik mit Gruselfaktor

Wir beschlossen vorerst nicht das Gebäude zu betreten, sondern uns von draußen einen Eindruck zu verschaffen. Wir fanden direkt mehrere offene Zugänge zum Erdgeschoss. Nur der Haupteingang war komplett verbarrikadiert. Während wir aufmerksam am Gebäude entlang streiften und nach einem möglichen Wachschutz Ausschau hielten – also die Nerven eh schon gespannt – schlug plötzlich ein Fenster in unserer unmittelbaren Nähe zu. Direkt gefolgt von einer laut knarzenden Tür in einem anderen Flügel des Gebäudes. Und das, obwohl es kaum windig war. Durchzug also eigentlich ausgeschlossen.

Wir machten uns also gehörig in den Schlüppi. Dennoch (oder vielleicht deswegen?!) war der Reiz das Areal zu erkunden so unvorstellbar groß. Nachdem wir uns einen Überblick über die Front und die Rückseite des Hauptgebäudes verschaffen konnten, betraten wir endlich das Treppenhaus im hinteren Bereich. Wir warfen einen kurzen Blick in den Keller. Dieser erschien uns aber für den ersten Tag und gerade nach diesem Schock-Moment zu düster. Also ab ins Erdgeschoss.

Lange Flure, offene Türen

Der lange Korridor dieses Lost Places in NRW war auf den ersten Blick kaum einsehbar, denn sämtliche Türen standen offen (komischerweise gehen die Türen anders als in anderen Kliniken zum Flur hin auf und nicht nach innen zum Zimmer), so als wären die Patienten seinerzeit Hals über Kopf geflüchtet. Die Zimmer waren bis auf wenige Ausnahmen leer. Hier und dort tauchten Vorhänge einen Raum in schummriges, rot-orangenes Licht, wenn das Sonnenlicht das Gebäude inspizierte. Scherben von zerborstenen Fensterscheiben und Flurtüren ließen unsere Schritte auf dem Linoleum knirschen. Leise sein? Zweckloser Versuch.

Das Hauptgebäude wird von mehreren Treppenhäusern durchzogen, so dass man mehrere Glastüren passieren muss. Fehlende Türklinken und schwergängige Türen sorgten für ein beklemmendes Gefühl. Was, wenn man schnell flüchten müsste? Plötzlich – Stimmen aus dem Treppenhaus vor uns. Eine Etage über uns musste jemand sein. Mitten im Flur – gut sichtbar für jeden – erstarrten wir. Was sollten wir tun?

Eindringlinge! So Lost sind manche Places in NRW nicht

Gebannt horchten wir nach den Stimmen. Männlich? Weiblich? Ah, beides. Und sie schienen eine unbefangene Unterhaltung zu führen. Endlich steuerten die Schritte hörbar knirschend die Treppenstufen hinab in unser Sichtfeld. Drei Menschen, zwei Kameras, ein Stativ. Kollegen quasi. Erleichtert konnten wir aufatmen. Nach einem freundlichen Gruß gingen wir also unseres Weges. Obwohl wir bislang nur wenige Fotos dieses Lost Places im Netz gesehen haben und sehr wenig über im Vorfeld in Erfahrung bringen konnten – die Besucherfrequenz überraschte uns.

Fast waren wir nach einiger Erkundung schon enttäuscht, dass alle Räume leer waren – dann jedoch offenbarten sich immer mehr interessante Plätzchen und Motive. Hier und dort standen Möbel fast wie inszeniert im Raum. Graffitis gestalteten eine surreale Szene an einigen Wänden. Der Spannungsbogen und der Entdeckergeist wuchsen gleichermaßen. So trieb es uns in die nächste Etage.

Blaues Graffiti an weißer Wand in Lost Place
Graffitis in Lost Places schaffen oftmals eine neue Atmosphäre und sind wie dieses hier überraschend tiefgründig. Dennoch: Es ist Vandalismus.

Jeder Raum will erkundet werden

Obwohl es grottig kalt in der Klinik war, trieb uns jede neue Entdeckung mit Hochspannung voran. Von draußen pfiff der Wind durch die zerschlagenen Fenster, so dass nicht mal die Neoprenhandschuhe vor schmerzenden Fingern bewahren konnten. Wir wünschten uns einen heißen Kakao mit Rum und ein Schaumbad. Gleichzeitig wollten wir unsere Expedition auf keinen Fall abbrechen, denn zwischen zerrupften Brettspielen und Gardinen offenbarte die Klinik auch ein Arztzimmer und eine Kapelle. Ein Regal mit Neonröhren schien mal zum Betrachten von Röntgenaufnahmen gewesen zu sein. Das Parkett lud in einigen Räumen zu einer pittoresken Version von Mikado ein. Hier noch ein Schreibtisch, dort Gruselcharme – der Auslöser glühte.

verlassenes Büro mit Parkett und Tisch
Solche spannenden Orte haben wir schon quasi in der Nachbarschaft gefunden
hocker mit fensterfront im lost place
Fast einladend wirkt dieser Hocker

Am Ende bleibt Sehnsucht

Wir mussten irgendwann feststellen, dass es immer dunkler wurde. Ohne Taschenlampe war schon kein Motiv mehr auf der Speicherkarte zu bannen. Also vertagten wir die weitere Erkundung auf den nächsten Tag – mit dem Vorsatz, erheblich früher dort anzukommen. Schließlich hatten wir noch keinen Blick in die Nebengebäude werfen können. Und den Keller. Jedoch hatten wir schon so viele interessante Ecken entdeckt, dass wir den nächsten Tag kaum abwarten konnten.

Teil 2 unserer Urbex-Expedition in der verlassenen psychosomatischen Klinik gibt es bald zu lesen.

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